Was wir von Dicken lernen können

Martin Döring, 10. September 2021

XXL-Personen

Eine Frau ist in der Ernährungsberatung. Sie ist sehr stark übergewichtig und im Gespräch versucht die Beraterin mit ihr herauszufinden, warum das so ist. Natürlich weiß die Beraterin, warum das so ist. Aber die Antwort ist eben nicht einfach eine Lösung, wie: eine Diät oder tue A, dann passiert B.

Ab einem Bodymaß-Index von 35 gilt man in Deutschland als krank. Es stellt sich heraus, dass es dabei wesentlich ist zu verstehen, dass diese Frau in viele sogenannte Systeme eingebunden ist. Es gibt die Firma, wo sie arbeitet, wo sie Stress hat und manchmal auch Langeweile, sie greift dann einfach mal in die Schale mit den Süßigkeiten. "Ich brauch das einfach".

Wenn sie Abends müde nach Hause kommt, freut sie sich schon auf den Besuch bei Ihrer Freundin. Und natürlich gibt es dort immer ein Stück Kuchen, und so weiter. Dies ist zum Beispiel eine sogenannte "Hochrisikosituation". Sie wird so genannt, weil man weiß, dass in diesem System "Freundinnen" etliche Dinge wirken, die ein Widerstehen sehr schwierig und eher unwahrscheinlich machen:

Hochrisikosituation bedeutet: Man weiß, dass es falsch ist, sonst wär es kein Risiko, aber trotzdem ist es faktisch fast unmöglich, zu widerstehen. Sonst wäre Abnehmen ja ganz einfach. Appelle an Disziplin, Verstand und zu fordern, einfach das Richtige zu tun, scheinen keine Lösung zu sein, aber dazu später mehr.

XXL-T-Shirts

Eine andere Situation. Ein Artikel aus der Zeitung: Im niederbayrischen Osterhofen bekommen Schüler, und vermutlich sind es größtenteils eher Schülerinnen, übergroße weiße sackartige XXL-T-Shirts, wenn sie mit zu knappen Höschen oder zu tiefem Auschnitt in der Schule erscheinen. An einer Realschule im baden-württembergischen Horb dasselbe. 2004 gab es das auch schon an der Leonhard-Wagner-Realschule in Schwabmünchen, im Kreis Augsburg.

🌐 Zu viel nackte Haut an Schulen - Augsburger Allgemeine

Es gab einen Riesenaufschrei, Facebook-Gruppen, und so weiter. Aber warum werden eigentlich solche Maßnahmen ergriffen, wie diese T-Shirts? Ich würde mal aus der hohlen Hand sagen, wenn junge Mädchen mit Hotpants, Netzshirt und darunter Spitzen-BH im Klassenzimmer sitzen, wird sich ein 14 oder 15-jähriger Mitschüler vermutlich nicht wirklich auf den Unterrichtsstoff konzentrieren können. Und auch Lehrer dürften, falls sie nicht schon jenseits des dritten Frühlings sind, kaum von derart Anblicken unbeeinflusst bleiben. Und genauso, wie vorhin schon gesagt, dürfte es auch hier wenig bringen, die Keule von Verstand und Disziplin zu schwingen und den Mitschüler daran zu erinnern, dass er sich bitte zusammenreißen möge und sich auf den Unterricht zu konzentrieren.

XXL-Tops

Heute beim Einkaufen eine junge Frau, vielleicht noch Schülerin, vor dem Supermarkt, Minirock gerade so kurz, dass man den Slip nicht sieht, ein Top, was nicht einmal zum Bauchnabel reicht, gespannt über zwei deutlich große Brüste, und darunter viel freie Luft. Danach heute ein englischsprachiger Artikel über die Objektivierung von Frauen als Sexualobjekt männlicher Phantasie, der irgendwie sagen will, dass das schlecht ist, aber irgendwie zwischen Anspruch und Beobachtung so hin- und her eiert, ohne auf einen fassbaren Punkt zu kommen.

Vom Thema geht das wohl auf die Objectification-Theory von Fredrickson & Roberts von 1997 zurück, welche postuliert, dass viele Frauen zum Sexualobjekt gemacht werden oder sich aufgrund ihres kulturellen und gesellschaftlichen Umfeldes selbst dazu machen und entsprechend ihrem Wert für diesen Zweck von anderen behandelt werden. Das passiere (Bartky, 1990), wenn der Körper dieser Frauen oder einzelne Körperteile von Ihr als Person separiert werden und sie so in erster Linie als ein physikalisches Objekt männlicher sexueller Phantasie betrachtet werden.

🌐 Sexual Objectification of Women: Advances to Theory and Research (englisch)

Wenn ich wieder an das Mädchen vor dem Supermarkt denke, dann frage ich mich zum Thema Objektivierung, was ein Mann zu diesem Zeitpunkt eigentlich über dieses Mädchen als Person wissen kann. Er sieht nur ihr Äußeres in seiner zur Schau gestellten prallen jungen Weiblichkeit und vermutlich wäre es vermessen zu fordern, ein Mann solle sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, wie dieses Mädchen als Person ist oder sich anhand der wenigen sichtbaren Gesten vorstellen, was es außer diesem jungen Körper und der vielen Haut noch Interessantes an ihrer Person und ihrem Inneren gibt. Aber diese meine Gedanken umfassen nur meinen kleinen persönlichen Ausschnitt und nur eine konkrete Situation. Ich spüre, wie ich mich als Mann unmittelbar in ein Denken von persönlicher Anziehung und Schuld hineinbewege, was unmittelbar in mir eine Ablehnung hervorruft.

In der oben genannten Forschung geht es viel weiter. Es geht um Frauen, die durch die uns umgebende sexualisierte Kultur und Gesellschaft geprägt sind und alles was damit zusammenhängt. Body-Shaming, Esstörungen, Selbst-Objektivierung, das nie gut ausgehende Vergleichen mit anderen, das Zeigenwollen pornoartiger sexueller Bereitschaft durch Bewegungen und Gesten und viele krasse Sachen mehr. So ist vielleicht dieses oder jenes Mädchen selbst wieder ein Opfer, weil es durch seine Umgebung so geprägt wurde.

Anerkennung und Demut

Aber zurück zu meinem Punkt: Warum kommen wir eigentlich nicht alle nackt zur Schule? Die Menschenrechte und der Schutz der Person gelten doch auch ohne Kleidung, nicht wahr? Oder warum sagen wir der übergewichtigen Frau eigentlich nicht einfach, was sie tun muss, um abzunehmen? Sie weiß es doch eigentlich auch schon und ist es nicht irgendwie ihre eigene Schuld, wenn sie immer noch nicht abnimmt? "Und das zahlt auch noch alles meine Kasse..."

Warum wird heute so viel über die Freiheiten diskutiert, die uns allen zustehen und so wenig über Rücksicht auf andere Menschen? War es nicht so, dass die persönliche Freiheit dort ihre Grenze finden sollte, wo die Freiheit des anderen berührt wird?

Wir sehen, wie Menschen mit bestimmten Situationen überfordert sind. Sie sind zu jung und unreif oder sie kommen nicht aus Ihrer Haut raus, weil alles in Beruf, Partnerschaft und bei Freunden so eingerichtet ist, dass es ultimativ schwierig ist, etwas zu ändern. Wir wissen es aus Statistiken. Und, wollen wir Lehrern zumuten den ganzen Tag junge Brüste in Netz-Shirts zu betrachten und alles was uns dazu einfällt ist, ihnen zu sagen, sie sollen dabei nicht geil werden und sie wären ja erwachsen genug?

Und so ist es ja auch nicht. Es ist weder so, dass Schulen das laufen lassen noch ist es so, dass krankhaft übergewichtige Menschen keine Hilfe erfahren - zum Glück. Aber trotzdem tun wir uns heute so schwer, uns ein bisschen zurück zu nehmen und anzuerkennen, dass Disziplin und Verstand kein Allheilmittel für tief in uns angelegte Verhaltensweisen sind, insbesondere, was Sexualität und Nahrung angeht. Und vielleicht schaffen wir es hierüber gemeinsam nachzudenken, ohne eine Diskussion darüber, was angeboren und genetisch ist und was kulturell erworben ist, und keine Diskussion über den naturalistischen Fehlschluss? Sondern mit Blick auf die oder den, die oder der durch etwas ein Problem hat und darunter leidet, statt uns in Konzepte zu flüchten?

🌐 Naturalistischer Fehlschluss

Ohne Verstand, Disziplin und Selbstbeherrschung wäre unsere Gesellschaft vermutlich gar nicht existent und wir haben gesellschaftlich viel an Freiheit und Erwachsensein im Sinne der Verantwortung erreicht. Auch ist jedem einzelnen eine gehörige Portion davon zuzutrauen.

Auf der anderen Seite zeigt all das, was wir täglich erfahren, dass sie auch sehr begrenzt sind. Ohne einen Weg der Mitte, der die jeden Tag sichtbare Schwäche von Menschen mit berücksichtigt und deren gewünschte aber nie ganz ausreichende Rationalität nicht als herrschend und gegeben voraussetzt, sehen wir, dass unsere Forderungen einzig einem Zweck dienen: Dem eigenen eitlen Kampf für irgendein Ideal.

Bei Menschen von Postulaten auszugehen und zu denken, das reiche aus, ist ein ungnädiger verkopfter Weg, der unsere Körperlichkeit, Sinnlichkeit, unser agressives Potenzial und unsere mangelnde Reife unberücksichtigt lässt, gleich, über wen wir mal schnell so richten und was wir anderen abfordern. Dies zeigt sich katastrophal in immer neuen Missbrauchsfällen zölibatär lebender Männer (nicht nur im Westen) genauso, wie weniger katastrophal aber ebenso traurig bei den vielen immer wieder fehlschlagenden Diäten und anderen Abnehmversuchen krankhaft Fettleibiger.

Das Abstempeln, also die Idee, was an der Handlung und dem Sosein des anderen falsch ist, entlastet nur den, der sie hat. Für eine Veränderung bei Menschen ist der Wille für ein gewisses Engagement, ein Verstehenwollen und Darauf-Einlassen und einiges an persönlicher Zuwendung vonnöten. Könnte solch eine Herangehensweise nicht eines unserer Ideale sein?


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